Es gibt Spiele die überraschen, Spiele die schocken – und dann gibt’s Schedule I. Was auf den ersten Blick wie ein trashiger Steam-Gag aussieht (komplett mit Rick and Morty-Lookalike auf dem Cover), entpuppt sich schnell als durchdachte, detailverliebte Wirtschaftssimulation mit schwarzem Humor und Koop-Fokus. Der Titel hat sich innerhalb kürzester Zeit vom Nischenprojekt zum absoluten Steam-Hit gemausert: über 190.000 gleichzeitige Spieler:innen, 98 % positive Reviews und ein viraler Hype, der durch Reddit, TikTok und Twitch donnert wie ein Güterzug mit Crystal Meth im Frachtraum.
Im Kern ist Schedule I ein Aufbau- und Managementspiel, das euch in die (nicht ganz legalen) Fußstapfen eines kleinen Dealers steckt, der in der fiktiven Stadt Hyland Point ein Drogenimperium aufbauen will. Der Einstieg ist simpel: Ein bisschen Gras pflanzen, ein paar Kunden bedienen, ein wenig Cash einfahren – aber die Komplexität steigt rasant. Bald mischt ihr euch eure eigene Chemie-Küche zusammen, müsst Produktionsketten aufbauen, Preise dynamisch anpassen, Sicherheitsmaßnahmen gegen die Polizei treffen und euch mit Mitbewerbern rumschlagen. Klingt wie Breaking Bad? Ist es auch. Nur mit einem satirischen Anstrich und dem ständigen Gefühl, dass gleich irgendwo ein Meme explodiert.
Gameplay: Zwischen Joint rollen und Großkapitalismus
Der eigentliche Gameplay-Loop von Schedule I ist überraschend tief und clever designed. Ihr beginnt mit einfachen Werkzeugen – einem Grow-Zelt, ein paar Pflanzentöpfen, vielleicht einem knarzigen Ventilator, um den Geruch loszuwerden. Doch schnell eskaliert alles: Neue Substanzen wie Ecstasy, Meth oder LSD werden freigeschaltet, ihr baut Labore aus, bastelt an Rezepturen, verbessert eure Produktionsmaschinen, dealt mit Großabnehmern, stellt Personal ein – von Kurierratten bis hin zu paranoiden Chemikern.

Dabei geht es nicht nur um „mehr von allem“, sondern um echtes Ressourcenmanagement. Stromkosten, Temperaturregulierung, Nachschublogistik – alles muss mitgedacht werden. Jede Droge hat ihre eigenen Herstellungsbedingungen, Marktpreise schwanken je nach Nachfrage, und wenn ihr Pech habt, steht das SEK plötzlich vor der Tür, weil euer „Kräutergarten“ zu viel Aufmerksamkeit erzeugt hat. Die Polizei, rivalisierende Gangs und zufällig auftretende Events (z. B. Kunden mit Spezialwünschen, Laborausfälle, verdeckte Ermittler) sorgen dafür, dass euch nie langweilig wird.
Das Sahnehäubchen: viele der Handgriffe sind in Form kleiner Minigames eingebunden. Ob ihr nun Weed sortiert, Pillen presst oder Meth zusammenmixt – das Spiel will, dass ihr selbst Hand anlegt. Das sorgt für einen immersiven Flow, der stark an Cooking Simulator oder Thief Simulator erinnert, nur eben… illegaler. Und wie in jeder guten Wirtschaftssimulation: Skalierung ist der Schlüssel. Wer richtig spielt, verwandelt seinen ersten Grow-Schrank irgendwann in ein ganzes Hochhaus voller Labore, vollautomatisiert und mit mehreren Abteilungen – inklusive Waschsalon fürs Geld.

Kooperativer Mehrspielermodus: Chaos mit Freunden – und das ist gut so
Was Schedule I von vielen anderen Aufbauspielen abhebt, ist der fantastisch chaotische Koop-Modus. Bis zu vier Spieler können gleichzeitig ihr illegales Imperium aufbauen – und dabei passieren genau die Dinge, die man sich erhofft: Jemand vergisst, den Generator zu warten, das Gras geht ein, während ein anderer Spieler in Panik durchs Lager rennt, weil die Polizei gleich reinstürmt und der Dritte irgendwo in der Pampa LSD testet, um die Qualität zu checken. Es ist der pure Multiplayer-Wahnsinn – aber mit Struktur.
Im Gegensatz zu anderen Koop-Games, bei denen man sich gegenseitig nur „helfen“ kann, ist in Schedule I echtes Teamwork gefragt. Arbeitsaufteilung ist Pflicht, wenn man nicht komplett im Drogensumpf untergeht. Einer kümmert sich ums Labor, einer beliefert die Kundschaft, einer regelt die Finanzen – und der vierte? Nun ja, der vierte sitzt meistens in der Ecke und bastelt lieber an seinem „supergeheimen Superschnee“, der zufällig explodiert, wenn man ihn falsch lagert. True Story.

Besonders cool: Das Spiel erlaubt Asymmetrie, also nicht jeder muss das gleiche tun. Ihr könnt Aufgaben spezialisieren, aufteilen, sogar eigene kleine Geschäftsbereiche innerhalb der Crew hochziehen. Die Kommunikation ist dabei das A und O – und Schedule I weiß das. Via Ingame-Voice, Emotes und klaren Interface-Elementen könnt ihr euch auch im größten Stress noch absprechen. Oder euch gegenseitig anschnauzen, wenn mal wieder jemand die Pillen-Maschine auf „Partygröße“ gestellt hat.
Was dabei hilft: Das Spiel ist nicht nur Koop-fähig, es ist Koop-zentriert. Fast alles wurde darauf ausgelegt, mit anderen zusammen zu funktionieren – vom Leveldesign über die Produktionskette bis hin zu den Events. Wer also gern mit Freund:innen zockt, Chaos liebt, aber trotzdem etwas Tiefe und Strategie will: Hier seid ihr goldrichtig.

Grafik & Stil: Zwischen Cartoon-Wahnsinn und Drogenparodie in Schedule I
Optisch geht Schedule I einen eigenwilligen, aber stimmigen Weg. Die Grafik ist kein fotorealistisches AAA-Brett – soll sie auch gar nicht sein. Stattdessen gibt’s einen bewusst überzeichneten Cartoon-Look, der stark an Adult Swim-Serien wie Rick and Morty oder Smiling Friends erinnert. Die Charaktere sind klobig, die Animationen leicht überspitzt, die Umgebungen vollgestopft mit absurden Details: tanzende Kakerlaken, Glitzerbong-Statuen, pinke LSD-Kristalle und Graffiti mit Zitaten wie „Granny’s Got the Good Stuff“.
Trotz dieses Humorstils steckt viel Liebe im Design. Die Labore und Wohnblocks sind detailliert, visuell lesbar und funktional gestaltet. Jede Droge hat ihre eigene visuelle Identität – Meth schimmert kaltblau, Gras wächst in sattem Grün, während LSD bunt flackert wie ein raveender Regenbogen. Dazu kommt ein stylisches User Interface mit Comic-Touch, das nie überfordert, obwohl das Spiel sehr komplex werden kann.

Besonders stark ist Schedule I, wenn es um Atmosphäre geht: Hyland Point ist eine Stadt voller Ironie – ein dystopischer Moloch, halb Gotham, halb Miami Vice auf Bad Trips. Überall bröckelt Beton, Leuchtreklamen flackern, aus Kellern dröhnt Techno. Und über allem hängt ein ironischer, fast schon zynischer Ton. Die Welt wirkt wie eine Parodie auf alle Crime-Stories, die je erzählt wurden – und das funktioniert erstaunlich gut. Man nimmt das Setting nicht todernst, aber ernst genug, um darin aufzugehen.
Mein Fazit zum wilden Ritt
Schedule I bietet eine unkonventionelle Spielerfahrung, die durch ihre Mischung aus schwarzem Humor, strategischem Gameplay und kooperativen Elementen besticht. Obwohl das Thema kontrovers ist, überzeugt das Spiel durch seine Tiefe und den gelungenen Spagat zwischen Satire und Simulation. Für Fans von Wirtschafts- und Strategiespielen mit einem Hang zu schwarzem Humor ist Schedule I definitiv mehr als einen Blick wert.